Der Kinderbuchautor Martin Auer erzählt

Als Gott der Herr einmal auf die Erde herunterschaute und sah, wie die Menschen sich plagten und abmühten und einander weh taten, da wollte er ihnen helfen. Er braute schnell eine Medizin zusammen, die jede Krankheit heilt außer dem Tod durch Altersschwäche und füllte sie in eine Flasche, die niemals leer wird. Aber der die Flasche fand, war ein Apotheker, der wusste gleich, was er daran hatte. Und obwohl die Flasche niemals leer wurde, verkaufte er die Medizin nur an die mächtigsten Herrscher und die reichsten Händler, und die mussten ihm für einen Tropfen so viel Gold geben, wie ein mittlerer Palast wert ist. Und als der Apotheker starb, da war er der reichste Mann der Welt, aber die Flasche hatte er so gut versteckt, dass sie niemand finden konnte.

Da dachte sich Gott der Herr, dass das wohl nicht das richtige gewesen war. Und er backte schnell ein Brot, das jeden satt macht und das nicht weniger wird, soviel man davon auch abschneidet. Jetzt können alle Menschen wenigstens satt werden, dachte er. Und er tat das Brot in einen Korb, den band er an eine Wolke und ließ das Brot so auf die Erde hinunter segeln. Aber der das Brot fand, war ein General, und der ernährte damit seine Armee, die unbesiegbar wurde, weil ihr niemals das Essen ausging. Und er eroberte ein Land nach dem anderen und machte sich zum König von all diesen Ländern. Doch in einer großen Schlacht, als die Armeen mit Kanonen und Flammenwerfern aufeinander schossen, da verbrannte das Brot. Und so war der Menschheit wieder nicht geholfen.

Da dachte sich Gott der Herr, ich muss es anders machen. Und er schrieb schnell ein kleines Buch, das hieß: „Wie man glücklich wird und lange lebt“, und darin stand alles, was die Menschen wissen sollten, um gut miteinander auszukommen und gesund zu bleiben. Und er ließ das Buch auf die Erde segeln. Da kam eine Gruppe junger Mönche vorbei, die waren gerade in der Ausbildung. Und als sie das Buch fanden und merkten, was es war, da wollte es jeder haben. Denn jeder dachte sich, mit dem Wort Gottes in der Hand könnte er ein großer Priester werden und die Menschen würden ihn verehren und vielleicht sogar nach seinem Tod zu einem Heiligen machen. Und so rauften sie sich um das Buch und dabei zerrissen sie es, und jeder, der einen kleinen Fetzen davon ergattern konnte, rannte damit davon in ein anderes Land. Aber mit so einem kleinen Fetzen vom Wort Gottes konnte man ja nicht vor die Leute treten. Und so musste ein jeder seinen kleinen Fetzen vom Wort Gottes irgendwie ausbessern und mit Wörtern und Sätzen und Kapiteln ausstopfen und aufblasen, bis wieder ein dickes Buch daraus geworden war, das man herzeigen konnte. Und damit es nach was aussah, ließen sie die Bücher in teures Leder binden und mit Edelsteinen verzieren und an den Ecken vergolden. Und jeder behauptete, dass nur sein Buch das wirkliche und wahrhaftige und einzige Wort Gottes enthalte und alle anderen erstunken und erlogen seien. Und natürlich ist es schwer, in diesen dicken Büchern das kleine Fetzchen vom Wort Gottes zu finden, das noch drin stecken mag. Und so gab es erst recht wieder Streit und Uneinigkeit und Gewalttätigkeiten unter den Menschen, und sie hauten einander nicht nur Knüppel und Schwerter und Bomben um die Ohren, sondern auch noch das Wort Gottes.

Und als Gott der Herr auf die Erde herunterschaute und sah, was sie mit seinem Wort gemacht hatten, das sagte er wohl, ach was, macht euch euren Kram jetzt einmal selber. Er wird ja auch sehr beschäftigt sein und noch andere Dinge zu tun haben und hat wahrscheinlich gerade keine Zeit, um eine Sintflut zu schicken.

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