Der Kinderbuchautor Martin Auer erzählt

Als der kleine Fritz in seinem großen roten Ballon beim Schloss des Zauberers landete, waren da viele tausend Kinder, die der böse Zauberer in der ganzen Welt geraubt hatte. Der kleine Fritz rief sie zusammen und verkündete: „Der böse Zauberer ist tot! Er hat sich zu weit aus dem Ballon gebeugt und ist hinuntergefallen!“

„Hurra!“ riefen die Kinder.

„Der rote Ballon hat mich hierher gebracht und ich bin gekommen, um euch zu retten!“

„Hurra!“ riefen die Kinder.

„Ich werde euch alle in meinem roten Ballon nach Hause bringen, damit ihr wieder bei euren Eltern wohnen und mit euren Freunden spielen und wieder in die Schule gehen könnt! Der rote Ballon wird ein jedes von euch genau an den Ort bringen, wo der böse Zauberer euch gefangen hat!“

„Hurra!“ riefen die Kinder. Aber es klang nicht mehr so laut. Und nicht mehr so fröhlich. Denn: Nicht alle Kinder hatten gerufen.

„Was ist los mit dir?“ fragte der kleine Fritz ein Mädchen. „Freust du dich nicht darauf, deine Eltern wiederzusehen?“

„Ich wohne nicht bei meinen Eltern“, sagte das Mädchen. „Ich lebe bei meiner Tante. Meine Mutter ist in ein fremdes Land gezogen und arbeitet dort als Dienstmädchen. Sie macht bei reichen Leuten das Haus sauber. Und mein Vater ist in ein anderes Land gezogen und baut dort Straßen. Sie kommen nur einmal im Jahr nach Hause. Meine Tante verkauft auf dem Markt Gemüse und nach der Schule muss ich auf ihre kleinen Kinder aufpassen.“

„Und was ist mit dir?“ fragte der kleine Fritz einen Jungen. „Wohnst du auch nicht bei deinen Eltern?“

„Doch“, sagte der Bub. „Ich wohne bei meinen Eltern. Aber ich kann nicht in die Schule gehen. Ich muss meinen Eltern beim Orangenpflücken helfen. Alle Kinder müssen mithelfen, damit wir genug Geld verdienen. Wenn meine Brüder und Schwestern und ich nicht mithelfen würden, würden meine Eltern nicht genug Geld verdienen, um für uns alle Essen zu kaufen und den Arzt zu bezahlen, wenn jemand krank wird.“

„Und was ist mit dir?“ fragte der kleine Fritz ein Mädchen, das auch nicht sehr glücklich zu sein schien. „Musst du auch mitarbeiten, damit deine Eltern genug verdienen?“

„Nein“, sagte das Mädchen. „Ich helfe meiner Mutter und meiner Tante im Haus. Aber da, wo ich herkomme, schickt man nur die Buben in die Schule. Mädchen müssen zu Hause bleiben und Kochen und Putzen und Nähen lernen und wie man auf kleine Kinder aufpasst. Später muss ich den Mann heiraten, den meine Eltern mir aussuchen werden. Ich würde gerne in die Schule gehen und lernen und später vielleicht Krankenschwester werden, aber das wird immer ein Traum bleiben.“

„Und du?“ fragte der kleine Fritz ein anderes Mädchen. „Warum freust du dich nicht, nach Hause zu kommen?“

„Wir haben kein Zuhause mehr. Eines Tages hat es im Radio geheißen, dass feindliche Soldaten sich unserer Stadt nähern, und wir mussten fliehen. Zwei Jahre lang habe wir in einem Lager gelebt mit einer Plastikplane als Dach überm Kopf und haben nichts zu tun gehabt. Dort bekommen wir jeden Tag ein bisschen Reis zu essen, aber wir müssen uns stundenlang anstellen dafür, und dann müssen wir uns wieder bei der Wasserpumpe anstellen um eine Kanne voll Wasser. Es gibt keine Arbeit für die Erwachsenen und keine Schule für die Kinder.

„Und was ist mit dir?“ fragte Fritz einen Jungen.

„Meine Eltern sind im Krieg getötet worden. Wenn der Ballon mich zurückbringt, weiß ich nicht, wo ich hin soll. Ich habe Angst, dass die Soldaten kommen und ich mit ihnen gehen und kämpfen muss. Und ich weiß gar nicht, gegen wen sie kämpfen und warum.“

Und so ging es weiter:

„Ich werde froh sein, meine Eltern wiederzusehen und mit ihnen die Kühe zu hüten. Aber unser Lehrer ist aus dem Dorf weggezogen um in den Kohlengruben zu arbeiten, weil die Regierung sein Gehalt nicht geschickt hat.“

„Das Erdbeben hat die Schule in unserem Dorf zerstört und sie ist nicht wieder aufgebaut worden.“

„Wir haben eine Schule in unserem Dorf, aber meine Eltern haben nicht genug Geld, um Bücher und Stifte zu kaufen, und darum kann ich nicht in die Schule gehen.“

„Meine zwei Schwestern und ich haben zusammen nur ein paar Schuhe. Deshalb kann immer nur eine von uns in die Schule gehen und die zwei anderen müssen zu Hause bleiben, denn da, wo ich wohne, ist es sehr kalt.“

„Meine Eltern hatten nicht genug Essen und Kleider für mich und meine Brüder. Da bin ich von zu Hause weggelaufen, damit sie es leichter haben. Wenn der Ballon mich zurückbringt, werde ich wieder betteln müssen und in der Nacht in einem Kanalrohr schlafen.“

„Ich gehe jeden Tag zwei Stunden zu Fuß, um für meine Familie Wasser zu holen. Und drei Stunden, um Brennholz zu suchen. Meine jüngeren Geschwister gehen in die Schule, aber meine Mutter braucht mich zu Hause, weil wir keinen Vater haben und ich die Älteste bin.“

„Ich weiß nicht, wer meine Eltern sind. Ich fahre mit den Eisenbahnzügen herum und sammle die Wasserflaschen, die die Leute liegen lassen. Ich mache sie sauber und fülle sie wieder mit Wasser an und verkaufe sie den Leuten im Zug. Die Hälfte von dem, was ich verdiene, muss ich dem Schaffner geben, damit er mich nicht aus dem Zug wirft.“

„Seit zwei Jahren hat es bei uns nicht geregnet. Wir können keinen Mais und kein Gemüse anpflanzen und wir mussten unsere letzte Kuh schlachten, weil wir sie nicht füttern konnten. Meine kleine Schwester ist krank geworden und gestorben, und meine Mutter sitzt nur da und starrt in die Luft, weil es nichts gibt, was sie tun kann!“

„Meine Eltern arbeiten auf der Baustelle. Ich helfe ihnen und schleppe Ziegel. Ich bin acht Jahre alt und kann acht Ziegelsteine auf dem Kopf tragen. Ich bin sehr stark und darauf bin ich stolz. Aber ich habe keine Zeit in die Schule zu gehen.“

„Ich möchte meine Eltern schon gern wiedersehen. Aber wo wir wohnen, müssen wir Wasser aus dem Fluss trinken, weil es keinen Brunnen gibt. Zwei von meinen kleinen Brüdern sind schon krank geworden und gestorben, weil das Flusswasser schmutzig ist.“

„Meine Familie und ich, wir wohnen auf einer Müllhalde am Stadtrand. Wir suchen nach Altmetall und Plastikflaschen und manchmal finden wir ein Radio oder sogar eine Waschmaschine, die man noch reparieren kann. Ich könnte nicht in die Schule gehen, sogar, wenn meine Eltern es erlauben würden, weil ich zu schmutzig bin und niemand neben mir sitzen wollen würde.“

„Meine Eltern sind aus dem Dorf in die Stadt gezogen, um Arbeit zu suchen. Wir schlafen auf einer Decke auf dem Gehsteig. Aber vielleicht haben meine Eltern inzwischen Arbeit gefunden. Sie haben mir versprochen, dass sie mich dann in die Schule schicken werden.“

„Meine Eltern konnten mir nicht genug zu essen geben. Also haben sie mich zu einer Familie als Dienstmädchen gegeben. Ich arbeite jeden Tag sechzehn Stunden und bekomme noch immer nicht genug zu essen. Warum sollte ich mich freuen, dorthin zurückzukommen, wo ich war?“

Der kleine Fritz war verzweifelt. Er fühlte sich gar nicht mehr als Held. Fast die Hälfte aller Kinder waren nicht wirklich froh darüber, dorthin zurückgebracht zu werden, wo sie hergekommen waren. Ihre Familien waren zu arm, um sie zu ernähren oder sie konnten nicht in die Schule gehen oder sie hatten kein sauberes Wasser zu trinken oder sie mussten hart arbeiten oder es gab keinen Arzt und kein Spital in ihrer Nähe oder sie hatten überhaupt keine Familie.

Die Kinder hatten sich in zwei Gruppen aufgeteilt: Die, die es gar nicht erwarten konnten, in den Ballon zu steigen und zu ihrem alten Leben zurückzukehren, und die, die fühlten, dass das Leben, das sie erwartete, nicht viel besser war als das, was sie jetzt hatten.

Da kam eines der Mädchen aus der glücklichen Gruppe herüber und nahm einen Jungen an der Hand und sagte: „Du kannst mit mir kommen und bei mir wohnen. Meine Eltern werden dir sicher Kleider und Essen geben. Dann musst du nicht mehr Orangen pflücken und wir können zusammen in die Schule gehen!“

„Danke!“ sagte der Junge. „Aber was ist mit meinen Brüdern und Schwestern? Und mit meinen Eltern? Können die auch kommen?“

Das Mädchen schaute zu Boden und zuckte hilflos die Schultern.

Da sagte ein Junge: „Bevor wir alle hier zusammengekommen sind, habe ich nicht gewusst, dass so viele Kinder unglücklich sind und in Armut leben. Wir müssen herausfinden, warum das so ist. Irgend etwas stimmt mit der Welt nicht. Vielleicht sollten wir alle zusammenbleiben. Alle sollen erzählen, wo sie herkommen und wie sie leben und was ihre Eltern tun, und vielleicht können wir herausfinden, was da nicht stimmt.“

Und ein größeres Mädchen sagte: „Ja, und wir müssen Bücher und Zeitungen lesen und herausfinden, wo die Schiffe mit den Nahrungsmitteln hinfahren und wo die Banknoten gedruckt werden und wie Bleistifte und Computer gemacht werden und wer den Lastwagenfahrern sagt, wo sie die Kleider und Schuhe abliefern sollen.“

Und ein Bub sagte: „Ja, bleiben wir zusammen und finden wir das alles heraus. Der böse Zauberer hat eine große Bibliothek mit Büchern aus der ganzen Welt gehabt. Vielleicht können wir dort anfangen!“

Und so wurde das beschlossen. Und ein Brief wurde geschrieben und der kleine Fritz wurde mit seinem roten Ballon ausgeschickt, um ihn an alle Eltern zu verteilen, und in dem Brief stand, dass die Kinder so lange nicht nach Hause kommen würden, bis sie herausgefunden hatten, was mit der Welt nicht stimmt und wie man die Dinge so einrichten kann, dass alle Kinder auf der Welt bei ihren Eltern leben und in die Schule gehen und mit ihren Freunden spielen können und sicher vor Hunger, Krankheit und Gewalt leben können.

Kommentare

1 Kommentar zu “Der rote Ballon”

  1. Gaspar on Juli 29th, 2014 20:37

    Ihre Geschichten sind ganz einfach, um deutsch zu lernen. Aber wenn ich Ihnen höre, kann ich kaum begleiten, weil Sie so schnel für mich sprechen. Ach so, ich soll mich Ihnen vorstellen: ich heisse Gaspar und wohne in Curitiba, Südbrasilien und lerne deutsch, weil ich die Deutschsprach ganz toll finde.

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