Der Kinderbuchautor Martin Auer erzählt

Es waren einmal drei Brüder, die zogen hinaus in die Welt. Der Vater war gestorben, das Haus musste verkauft werden, damit das Begräbnis bezahlt werden konnte, und danach blieb nichts mehr übrig. Am zweiten Tag ihrer Wanderschaft hatten die drei nur noch Brot für eine Mahlzeit. Da sagten sie: „Wir gehen bis zum nächsten Brunnen. Wenn wir dort unser Brot essen, können wir Wasser dazu trinken.“

Als sie zu einem Brunnen kamen, schöpften sie Wasser, tranken es und aßen ihr letztes Stück Brot dazu. „Ach, wenn wir doch nur eine Hilfe hätten!“ seufzten sie.

Der Brunnen war aber ein Wunschbrunnen, denn es wohnte eine Wasserfee darinnen. Die kam zur Oberfläche und sagte zu den Brüdern: „Ich habe eure Seufzer gehört, und ich bringe euch eine Hilfe, wenn ihr sie zu nützen versteht. Drei Geschenke habe ich für euch: einen Geldbeutel, der nie leer wird, aber man darf nie die letzte Münze ausgeben, ein Brot, das nie alle wird, aber man darf nie das letzte Stück aufessen; und eine Geschichte, die nie zu Ende geht, aber man darf nie das Wort Tod aussprechen. Soll sich ein jeder von euch sein Geschenk auswählen.“

Da sagte der älteste Bruder: „Wir werden dem Alter nach wählen, ich zuerst“, und wählte den Geldbeutel. Danach wählte der zweite und nahm das Brot. Für den jüngsten blieb die Geschichte.

Und tatsächlich, die Wunschdinge hielten, was die Fee versprochen hatte. Der Geldbeutel, den der Älteste sich erwählt hatte, war jeden Morgen randvoll mit Goldstücken und Banknoten. Und wenn am Abend auch nur noch eine einzige Münze drin war, so war er doch am nächsten Morgen wieder gefüllt. Der älteste Bruder sagte zu den beiden anderen: „Nun, ich bin euch eigentlich nichts schuldig, aber greift nur jeder einmal tüchtig hinein in den Geldbeutel. Dann aber adieu! Ich habe meine eigenen Pläne, und wir müssen uns trennen.“

Er verließ seine beiden Brüder und ließ den Geldbeutel für sich sorgen. Freilich, nach einem Jahr oder zweien geschah es ihm einmal, dass er in einem Wirtshaus trank und alle anderen Gäste einlud, auf seine Kosten mitzutrinken. Und es waren viele Gäste da an jenem Abend, und sie waren fröhlich und ließen den edlen Spender hochleben. Aber als es ans Zahlen ging, machte die Zeche gerade so viel aus, wie der älteste Bruder in seinem Beutel hatte, und der Wirt ließ sich nicht bereden, auch nur einen Groschen bis zum nächsten Morgen zu borgen. Da füllte sich der Beutel nun nicht mehr.

Das war freilich für den ältesten Bruder nicht gar so schlimm; denn er hatte schon längst mit dem vielen Geld aus seinem Beutel ein gutgehendes Geldverleihergeschäft aufgemacht und besaß ein dickes Bankkonto und mehrere Häuser und Werkstätten.

Der zweite Bruder wurde ein berühmter Seefahrer und Erforscher fremder Kontinente. Denn mit seinem Brot, das niemals alle wurde, hatte er keine Proviantsorgen und konnte die entferntesten Inseln ansteuern und sich in die tiefsten Wälder und die weitesten Wüsten wagen. Behielt er am Abend auch nur ein Bröselchen von dem Brot über, so war daraus am Morgen doch wieder ein schwerer Laib geworden, der ihn und seine Mannschaft satt machte. Eines Tages freilich wurde dem zweiten Bruder bei einem Gastmahl auf einer der Inseln, die er entdeckt hatte, ein Braten serviert, und der Bratensaft schmeckte ihm so gut, dass er gedankenlos alles mit seinem Brot auftunkte und auch das letzte Stück mit aufaß. So war auch das Brot dahin.

Aber da war der zweite Bruder schon alt und Besitzer von mehreren Inseln und einer ganzen Flotte von Handelsschiffen, die für ihn auf allen Weltmeeren Handel trieben.

Auch dem dritten Bruder hatte die Fee nicht zuviel versprochen. In seinem Kopf begann sich eine Geschichte zu formen. Er ging noch bis in die nächste Stadt, borgte sich dort von einem Krämer auf dem Marktplatz einen Stuhl, setzte sich neben den Stadtbrunnen und begann seine Geschichte zu erzählen.

Die Geschichte begann mit einem Bauernburschen, der in die Welt zog und ein großer Held wurde. Als von allen seinen Abenteuern erzählt war, von all seinen Siegen und Niederlagen, von dem großen Opfer, das er gebracht hatte, und dem feigen Verrat, den er erst so spät gesühnt hatte, als von seiner großen Liebe erzählt war und seinem großen Schmerz, von seiner langen Herrschaft über ein mächtiges Reich und von seinem seltsamen, einsamen Ende, da ging die Geschichte weiter mit den Ereignissen um das Zauberschwert, das dieser Bauernbursch einst von einer mächtigen Fee erhalten hatte, und von dem Fluch, der darauf lastete. Und es wurde von allen Heldentaten und Gemeinheiten erzählt, die mit diesem Schwert begangen wurden, von den Listen derer, die sich in seinen Besitz setzen wollten, von den Schicksalen derer, die es bekamen, und den Schicksalen derer, die durch es umkamen. Und als von allen Abenteuern um das Schwert erzählt war, von dem letzten Frevel, der mit ihm begangen wurde, und wie es dann schließlich zerbrach und zu Staub wurde, als alles das erzählt war, da ging die Geschichte weiter mit der Historie aller Reiche, die mit diesem Schwert gegründet, erobert oder vernichtet worden waren, mit den Kriegen, die sie untereinander führten, und den Bündnissen, die sie miteinander schlossen. Und als von den Geschicken all dieser Reiche erzählt war und auch vom Untergang des letzten unter ihnen, da ging die Geschichte weiter mit den Erlebnissen des Fuchses, der im letzten dieser Reiche das letzte Huhn gestohlen hatte und dann ausgewandert war. Und es wurde erzählt von allen Bosheiten, die er beging, und von allen Fallen, denen er entkam, wie er den Wolf und den Bären betrog und die Gänse hereinlegte. Und als erzählt war, wie er schließlich doch von einer Maus hintergangen worden und einem Jäger in die Falle geraten war, da ging die Geschichte weiter mit den Ereignissen um den Mantel, dem der Fuchs nun als Kragen diente. Es wurde erzählt von dem Bischof, der den Mantel als erster besaß, von seinem schlechten Lebenswandel, über den sich die ganze Stadt empörte, und seinen heimlichen guten Taten, für die er sich so verschuldete, dass er den Mantel, so wie fast alles andere, was er besaß, einem Kaufmann, von dem er geborgt hatte, überlassen musste. Es wurde von dem tollpatschigen Kaufmann erzählt und seinem ewigen Streit mit seiner knurrigen Magd, die ihm dann doch immer aus der Patsche helfen musste und dann ihren Zorn mit dem Teppichklopfer an dem unschuldigen Mantel ausließ. Es wurde erzählt, wie der Mantel schließlich ausgedient hatte und zum Putzfetzen degradiert wurde und danach doch noch an eine Bettlerin kam, die ihn wieder trug, stinkend und verschmiert, wie er war, einen ganzen, bitteren Winter lang. Und als der Mantel endgültig ausgedient hatte und kein Faden mehr von ihm übrig war, da ging die Geschichte weiter mit dem Leben des Kindes, das unter diesem Mantel in einer eisigen Nacht geboren worden war. Und es wurde erzählt von dem Geschlecht, das aus diesem Kind der Bettlerin hervorging, einem Geschlecht von Mägden und Taglöhnern, Soldaten und Jahrmarktsgauklern, Dieben und Wahrsagerinnen, aus dem schließlich ein berühmter Soldat hervorging, der später Feldherr und schließlich Kaiser wurde. Und es wurde die Historie seines Reiches erzählt, bis auch dieses unterging: an der Rattenplage. Und als vom Zerfall dieses Reiches erzählt war, da ging die Geschichte weiter mit dem Leben der Ratte, die im Keller des Palasts des letzten Kaisers gehaust hatte, und mit dem Floh, den diese Ratte hatte. Und es wurde erzählt von allen Menschen, die dieser Floh biss, und von ihrem schrecklichen Ende; denn die Ratte und der Floh, die trugen die Pest in die Welt. Und es wurde erzählt, wie die Pest sich verbreitete und wuchs und die Länder entvölkerte; es wurde erzählt, wie die Menschen Furcht voreinander bekamen und voreinander flohen und einander verrecken ließen aus Angst vor der Ansteckung, und es wurde erzählt von dem Erbarmen, das die Menschen miteinander hatten, von der Liebe, die das Unglück in ihnen weckte, von der Hilfe und den Opfern, die sie einander brachten, von der Weisheit und der Torheit, die die Nähe des Untergangs in den Menschen weckte. Und es wurde erzählt von einem Dorf, in dem alle umkamen und nur ein einziges Mädchen verschont blieb. Und als vom Ende der Pest erzählt war und von dem Aufatmen und dem Neuanfang in allen Ländern, da ging die Geschichte weiter mit dem Leben dieses Mädchens, und es wurde erzählt von ihrer Wanderung durch das leere Land, bis sie wieder zu Menschen fand, und wie sie nie wieder solche Einsamkeit erleben und in Zukunft nur noch für die Liebe leben wollte. Und es wurde erzählt von all den schönen Burschen, denen sie um den Hals fiel, und von allen ihren Liebhabern, die sie in lauen Sommernächten besuchten. Und es wurde erzählt, wie sie ihrem letzten Liebhaber, als der sie verlassen wollte, eine Buchecker schenkte, mit der Bitte, sie dort zu pflanzen, wo er sich ein Haus bauen würde. Und die Geschichte ging weiter mit dem Leben des Baums, der aus dieser Buchecker wuchs; es wurde erzählt, wie er seine Wurzeln in die Erde und seine Äste in die Höhe reckte, wie er gedieh und Frucht trug und aus seinen Früchten ein Wald wurde, der schließlich das Haus des ungetreuen Liebhabers überwucherte. Und so ging die Geschichte immer weiter und weiter, und der jüngste Bruder saß jahraus, jahrein auf seinem Stuhl neben dem Brunnen und erzählte, und der Marktplatz war voll von Leuten, die von weit her gekommen waren, um ihm zu lauschen.

Die weiter vorne standen, erzählten im Flüsterton denen, die hinten standen, was sie hörten, und die, die abreisen mussten, erzählten, was sie gehört hatten, dort, wo sie hinkamen, und warteten selber begierig auf solche, die später nachkamen und erzählen konnten, wie die Geschichte weiterging.

In den Wintern wurde ein Zeltdach über dem Marktplatz aufgespannt und auch in den Sommern, wenn es regnete. Aber der jüngste Bruder saß da und erzählte, in seine Geschichte versunken, und hätte nicht Hagel noch Frost verspürt. Die ihm zuhören kamen, brachten ihm viele Geschenke, Essen und Kleider, und abends, wenn er müde war, führte man ihn in ein prächtiges Haus, das ihm ein reicher Bewunderer überlassen hatte. Er freilich merkte kaum, wo er schlief und was er aß, denn sein Geist war tief in seiner Geschichte. Immer horchte er in sich hinein, horchte und lauschte auf die Geschichte, die in ihm wuchs und sich ausbreitete, die ihn erfüllte und mit sich forttrug, die sich ihm auftat wie eine erblühende Knospe, von der die äußeren Blätter ständig abfielen, während im Innern sich immer neue Blätter entfalteten. Und aus seinen Augen, die kaum sahen, was um ihn herum vorging, aus seinem abgemagerten, alt gewordenen Gesicht leuchtete ein Staunen, ein verwundertes Sinnen über all das, was sich in seinem Innern begab.

Nie aber erwähnte er in seiner Geschichte das Wort, das die Fee ihm verboten hatte. Wenn der Beender alles Lebens vorkam in seiner Geschichte, dann nannte er ihn den Sensenmann oder Freund Hein; er sagte, dass seinem Helden nun das letzte Stündlein schlug, dass er den letzten Atemzug tat oder das Zeitliche segnete.

Und seine Geschichte ging immer weiter. Einmal war es die Geschichte einer Frau, dann die eines Mannes, eines Tieres oder einer Blume, eines Landes oder einer Insel, eines Meeres oder eines Wassertropfens, aber immer war es dieselbe Geschichte.

Eines Tages drängte sich ein hübsches kleines Mädchen durch die Menge, das trug eine kleine weiße Blume vor sich her, um sie dem Geschichtenerzähler zu bringen. Da wandte sich nach langen Jahren sein Blick wieder nach außen. Er hielt in seiner Geschichte inne und sah ihr aufmerksam entgegen. „Siehe“, sagte er, „das ist mein Tod.“

Und da war auch diese Geschichte zu Ende.

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